Startseite

Leipzig, 9. Oktober 1989

Das SED-Regime scheiterte auch an seinem Unvermögen zuzuhören. Die Kritik und die Unzufriedenheit vieler Menschen waren spätestens 1989 zwischen Rügen und Erzgebirge allenthalben zu vernehmen, zu spüren. Allein, die DDR-Oberen wollten dies nicht wahrhaben. Sie wollten weder die Kritik hören noch die Kritiker. Als am 9. Oktober 1989 dann aus den ehemals kleinen Protestgruppen eine Demonstration von 70 000 wurde, war es zu spät. Zuhören brauchten die Machthaber nicht mehr, denn der Protest war auf der Straße, er war unübersehbar und unüberhörbar. Die Proteste brachten wenige Wochen später die Berliner Mauer zu Fall, der Wunsch nach Demokratie und Mitbestimmung wurde Wirklichkeit. Zuhören können und zuhören wollen bilden das Grundgerüst des Zusammenlebens.

Ohne Zuhören schreit man sich an, irgendwann schweigt man sich nur noch an. Unsere Demokratie bietet die großartige Möglichkeit, das Zuhören einzufordern, es (wieder) zu üben, es auszuprobieren und es im Alltag zuzulassen. Unsere Demokratie kann etwas, was eine Diktatur nicht kann: Sie kann Fehler eingestehen, sie kann Menschen einbeziehen, sie kann gegenteilige Meinungen zulassen und daraus einen Kompromiss bilden. Der Kompromiss ist nicht die Schwäche der Demokratie, er ist ihre Stärke.

Die Demonstrationen vom Herbst 1989 brachten die langersehnte Meinungsfreiheit, zunächst nach Leipzig, wenig später in die gesamte DDR. Plötzlich erwachte die offene und öffentliche Debatte, die zuvor jahrzehntelang unterdrückt gewesen war. Es zeigte sich in jenen aufregenden Wochen des Herbstes 1989 ein Zustand, an den wir heute aus dem Blickwinkel unserer Demokratie heraus mit Wehmut zurückdenken: Die freie Meinung brach sich Bahn, die Menschen formulierten ihre Gedanken, ihre Vorstellungen, ihre Wünsche. Menschen hörten zu! Und wir können uns heute die Frage stellen, wie diese Revolution unter den Vorzeichen einer dauerbeschallenden digitalen Häppchen-Kommunikation sich entwickelt hätte. Es ist nicht sicher, dass das Ergebnis besser gewesen wäre.

Das Erbe von 1989 ist die Gewaltlosigkeit, die Entschlossenheit, der Mut der Menschen. Was immer klarer wird in den vergangenen Jahren: Das Erbe des Herbstes 89 ist auch das Zuhören. Die Bereitschaft, sich auf Argumente einzulassen. Diese Bereitschaft dürfen wir 30 Jahre später mehr denn je wieder einfordern.

Burkhard Jung
Oberbürgermeister der Stadt Leipzig Vorsitzender des Beirates „Kuratorium Tag der Friedlichen Revolution 1989“

Das gesamte Programm für 2019 als PDF-Datei.

Unsere Partner: